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Auszüge aus der Pdf-Datei :

Über die Hexenverfolgung

- und warum sie noch unverstanden und gleichzeitig

wichtig ist.

von Ottmar Lattorf

Man könnte meinen, so ein altes Thema hat für unser heutiges Leben keine Bedeutung mehr. Manche sagen sogar, über die Hexen-Verfolgung sei schon alles gesagt worden. Aber weder das eine noch das andere ist wahr. Eher ist es so, dass die Hexenverfolgung eine der schwerwiegendsten sozialen Katastrophen der letzten 1000 (Tausend!) Jahre war, mit Resultaten an denen wir - ohne es zu ahnen -, heute noch leiden. Z.B. haben wir den Verlust von effektiven, pflanzlichen Verhütungsmitteln zu beklagen; ebenso die Neurotisierung des Gefühlslebens und die Gräben zwischen den Geschlechtern. Selbst die Bevölkerungsexplosion bzw. das Auftauchen des Phänomens der Masse hat damit ursächlich zu tun.

Allein schon der zeitliche Faktor war immens: immerhin hat die Verfolgung mehr als 400 Jahre gedauert. Die Hexenverfolgung hat zu einer totalen Veränderung der Mentalität und der menschlichen Fühlweise geführt, die aber dann epochal und bestimmend wurde: die Fühlweise des neurotischen, modernen Menschen. (Seite 4)...

Die Kultivierung der sexuellen Kraft und der menschlichen Liebe zur gegenseitigen Erbauung und Stärkung. wie es aus dem alten Indien, alten China, von matriarchalen Stämmen oder auch noch in Ansätzen aus dem europäischen Mittelalter bekannt ist, ist als Volks-Mentalität innerhalb der kapitalistischen Gesellschaften verschwunden. Eine solche wäre ja auch glatt marktschädigend. Ein Gut, das frei und leicht für jedermann verfügbar ist, wie z.B. die Liebe, ist schlecht für die kapitalistische Wirtschaft. Es liegt in der Natur dieses Wirtschaftsystems aus allen Lebensbereichen und besonders aus Notlagen Profite zu schlagen.

Die herrschenden Eliten haben es in der frühen Neuzeit gelernt, dass eine solche vitale Energie wie die der menschlichen Sexualität zu Steuerungs- und Strukturzwecken genutzt werden kann. Durch die Zerstörung und die Irritierung der Liebesfähigkeit des Menschen und Verknappung derselben entsteht nicht nur ein neuer Markt: die Prostitution, die Sex -und Porno-Industrie, sondern es entstand auch eine ganz andere soziale und wirtschaftliche Dynamik in der neuen Massengesellschaft von hörigen Menschen. Der herrschenden Eliten lernten: „Je mehr einer zur Entsagung, zum Verzicht selbst auf seine elementarsten Bedürfnisse bereit war, umso müheloser ließ er sich kommandieren.”

Doch das ängstliche Gehorchen hat seinen Preis mit dem wir heute alle leben: Emotionale Komplikationen in den Liebesbeziehungen, in den Ehen und in den Familien sind heute ein alltägliches Massenphänomen in den Industriestaaten. Dazu kommt, dass der Mensch ohne die Möglichkeit zu wiederholter, sexueller und emotionaler Befriedigung und Anerkennung auf Dauer in Traurigkeit, Selbstzweifel und Depression stürzt. Er wird sauer, komisch und psychisch krank. Infolgedessen tendiert der Mensch im kleinen sozialen Rahmen, wie auch in der großen Politik zu unbewusst ausagierten Irrationalitäten und materiellen Kompensationen. Diese materielle Kompensation des ,,ungelebten Lebens” (K. Tucholsky) bezeichnen die tumben Wirtschaftswissenschaftler der Universitäten als ,,den Lebensstandart“ der westlichen Industrie-Nationen! (...)

So ist unsere heutige Fühlweise nicht mehr natürlich, sondern die Folge eines langen blutigen Kampfes gegen die Geschlechtslust und gegen die Selbstbestimmung des Menschen im Allgemeinen und stellt den entsetzlichen individuellen Preis dar, den der moderne Mensch und seine Vorfahren in den letzten 500 Jahren für die Konstituierung der bürgerlichen, patriarchalen Industriegesellschaft zu bezahlen hatte. Mit unseren privaten Neurosen bezahlen wir für die Existenz des kapitalistischen Patriarchats als solches. Aber nicht nur das: unsere privaten Neurosen sind der beste Garant für die Perpetuierung (Konservierung und Erhaltung) dieses bürgerlichen Patriarchats, weil diese Lebensform immer wieder sekundäre Bedürfnisse (Gier, Neid) erschafft, die ausgeglichen werden müssen. Für die es dann auch wieder einen Markt gibt...

Die folgsamen Menschenmassen, die liebesgeschädigten Neurotiker und Psychotiker sind alle das gewollte psycho-soziale Resultat eines mörderischen Krieges gegen die Geschlechtslust und Sexualkultur unserer Vorfahren. Ein Krieg unter dem zynischen Motto „Der Heiligung des Lebens“ an dessen Ende Millionen von Frauen und das Wissen über pflanzliche Verhütungsmittel „verloren“ gegangen waren.

Ein Krieg, der zu Beginn der Neuzeit von der römisch-katholischen Kirche in Europa geführt wurde, um in einer historischen Notlage die Zahl der Geburten zu steigern.

Man hat in einem 500jährigen blutigen Kampf den Frauen den „biologischen Wunsch“ nach Kindern eingebläut, egal in welcher Situation sie lebt. Man hat die Genusssexualität auf die Fortpflanzungsfunktion reduziert und alles andere (singen, tanzen, „unzüchtig sein“) zu einem todesstrafwürdigen Delikt gemacht. (Seite 5)...

Und obwohl es in ,,unseren” Geschichtsbüchern(*s. Anmerkung des Autors unten) von Kriegen nur so wimmelt, werden wir in keinem Schulbuch über diesen entscheidenden Krieg um den Verstand und die Herzen der Menschen aufgeklärt. Ein Krieg, der bis heute andauert und kultiviert wird, wenngleich die entscheidende militärisch-terroristische Phase in der Hoch-Zeit der Hexenverfolgung (ca. 1450 bis 1650 ) lag. Und es war ein Krieg, dem eine Propagandaschlacht vorausging, die für die damalige Geschichte beispiellos war, aber für heutige Propaganda-Kampagnen beispielgebend ist.

Dieser Krieg der um die Kontrolle der Gebärtätigkeit der Frauen geführt wurde, führte nicht nur zur Entsolidarisierung zwischen Mann und Frau, nicht nur zum Verlust von medizinischer und hygienischer Kultur (z.B. pflanzliche Verhütungsmittel) und zur Erosion von Volkskultur im Allgemeinen, sondern führte auch in die Bevölkerungsexplosion.

Nachdem es dann ein Zuviel an Kindern gab, wurde eine neue Form öffentlicher Einmischung in das sexuelle Leben des Menschen installiert: die Erziehung der Kinder ward geboren. Die Pädagogik und die Sexualpolitik wurde im Laufe der Hexenverfolgung zuerst von den Ordensbrüdern und Schergen der katholischen Kirche erfühlt, entwickelt und kultiviert. Die darauf folgende Installierung von Angst in unseren Seelen durch die ,,schwarze Pädagogik“, die Förderung und Etablierung von Dummheit und der Aufbau einer moralischen Instanz, einer Art ,,Gehirnpolizei”, waren große „zivilisatorische Errungenschaften” der bürgerlich-früh-kapitalistischen Zeit am Ende der Hexenverfolgung.

Das „Menschenmaterial” (Gunnar Heinsohn) wurde im Laufe der Neuzeit an die technischen und ökonomischen Vorgaben des aufkeimenden bürgerlichen Kapitalismus angepasst. Es gab auch Widerstand dagegen, aber die privaten Neurosen einer Elite – der Herrschenden des Spätmittelalters – generalisierten sich, bereiteten sich als soziale Seuche aus und führten am Ende zur Anwendung von Stechuhren und Stechschritten. - Der moderne Mensch, der Homo Normalis ist also nicht einfach so organisch, ,,evolutionär” in die heutige Geschichte hineingewachsen, wie man sich das so normalerweise vorstellt, sondern er wurde einst über eine Periode von 500 Jahren herbeigemordet und herbeigezüchtet.

Das ist deshalb wichtig zu verstehen, weil der moderne Mensch in den Industriegesellschaften heute mehr denn je herausgefordert ist, entsprechend seinem humanistischen Anspruch, den er sich im 20. Jahrhundert zugelegt hat, auch zu handeln. Das mangelhafte Bewusstsein und die deformierten emotionalen Grundstrukturen des modernen Menschen, der sogenannte ,,subjektive Faktor“, wie man es zu 68er Zeiten analysiert hat, stellen heute eins der größten Hauptprobleme auf der Erde dar. Die Menschen in der 3. Welt versuchen bereits die tumben Bürger der 1. Welt wachzurütteln. Es liegt im Moment an uns, den emotional unterentwickelten Menschen in den industriellen Metropolen, die Probleme die dieses kapitalistische patriarchale Wirtschaftssystem global geschaffen hat, zu erkennen und zu handeln.  Es leiden nicht nur die sensiblen Geister in den industriellen Metropolen, der ganze Planet leidet, die Völker leiden, die Natur leidet. (Seite 6)...

Anmerkung des Autors:

v      Ich muß ,,unsere” Geschichtsbücher in Anführungszeichen setzen, weil die normalen Geschichtsbücher mit denen wir in der Schule und in den Universitäten zu tun haben, keineswegs objektive Beschreibungen der Geschichte sind. Sie sind befangen und voll patriarchaler und eurozentrierter Ideologien und Geschichtsverdrehungen. Genauso wenig sind die Universitäten objektive neutrale Institutionen, die im luftleeren Raum schweben. ,,Die herrschenden Ideen sind immer die Ideen der herrschenden Klassen.” Sagte einst Karl Marx und hat mit diesem Satz eine sehr bedeutungsvolle wesentliche Wahrheit ausgesprochen, die auch heute aktueller denn je ist, wenn man an die neoliberale Propaganda denkt. Für die theoretische Vertiefung in diesem Themenkomplex sei dem Leser das Buch „Äther, Gott und Teufel” von Wilhelm Reich, das Kapitel ,,Reduktionismus und Regeneration: Eine Krise der Wissenschaft“ von Vandana Shiva in dem Buch ,,Ökofeminismus” empfohlen, das sie zusammen mit der Sozialwissenschaftlerin Maria Mies geschrieben hat. Außerdem ist der Essayband „Für Brigida. Göttin der Inspiration” von Heide Göttner-Abendroth diesbezüglich höchst interessant.

Das, was uns heute als sexuelle und zwischenmenschliche emotionale Störungen bei Menschen daherkommt, ist nicht einfach nur die notwendige und zwanglose Folge des christlichen abendländischen Glaubens, sondern vor allem das Resultat eines kirchlichen und staatlichen Mordens, das sich über Jahrhunderte erstreckte und vorzugsweise einheimische Frauen traf. Die Entstehung sexualfeindlicher, bürgerlicher und autoritärer (Kinder)-Erziehung ist selber die sanfte ,,fortschrittliche” Fortsetzung des Scheiterhaufens und historisch betrachtet nicht der Beginn der Zerstörung der Liebesfähigkeit des ,,zivilisierten” Menschen. (Seiten 8-9)

Die Ausbreitung des sexualrepressiven Patriarchats mit all seinen psycho-sexuellen, sozialen, ökonomischen und ökologischen Nachteilen ist heute in Zeiten der Globalisierung keineswegs ein abgeschlossener historischer Akt, es handelt sich bis heute um einen anhaltenden dynamischen Prozess, der lediglich andere Formen und andere Dimensionen hat als vor 250 Jahren oder zu Beginn der Neuzeit oder vor der Antike.

Ich erinnere an die Auswirkungen der globalen Klimaveränderung, an das globale Artensterben, an die sich ausbreitenden Wüsten, die Regenwaldzerstörung, die zunehmenden Vergiftungen unserer Lebensräume und an die zunehmende Verelendung der Menschen in den Metropolen und in der sogenannten 3. Welt, an die Verrohung der politischen Sitten insbesondere durch die USA, unter der Knute der Großbanken und der transnationalen Konzerne. (Seite 9)

Man kann heute nicht mehr auf irgendwelche politische Parteien warten in der Hoffnung, daß sie dann zu einer Revolution aufrufen oder die Probleme für uns lösen. Wir alle sind selber gefragt. Jeder einzelne von uns. Wir sollten lieber uns selber und unsere Befindlichkeit und unsere Subjektivität ernst nehmen und die Wechselwirkungen zwischen dem sog. „subjektiven Faktor“ (der Mensch mit seinem Gefühlsleben) und der politischen und wirtschaftlichen Realität besser kennenlernen, damit man sie erfolgreicher verändern kann. (Seite 7)

Die vollständige Datei kann unter der Webadresse

http://www.berndsenf.de/HexenHebammenVerfolgung.htm 

eingesehen bzw. ausgedruckt werden.

Relief von drei Frauenkörpern
Höhle "Abri Bourdois", Frankreich.

Aus: Für Brigida, Göttin der Inspiration, Heide Göttner-Abendroth, Zweitausendeins, 1998